Pfarrer


Jahreslosung 2020: Ich glaube; hilf meinem Unglauben (Mk 9, 24)                                                                                                  

Aktuelle Erfahrungen

„Ich kann nicht glauben“, sagt der eine, „mich interessiert das alles nicht“, tönt die andere. Und die Frau im Bibelkreis erläutert voll Inbrunst: „Mein Glaube ist so stark, der kann nicht erschüttert werden“, und so wie sie es sagt, glaubt man ihr.
Der Satz: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“, liegt, finde ich, irgendwo zwischen den obengenannten Äußerungen. Da spüre ich den Zweifel, den Zwiespalt, das Zweigeteilte. Glauben und nicht glauben, geht das zusammen? Von Luther wird überliefert, dass er ähnliches gesagt haben soll, wie: „Wer nie an Gott gezweifelt hat, hat nie an ihn geglaubt“. Geht beides oder ist der Unglaube sogar ein Teil des Glaubens?

Die Heilungsgeschichte

Zu glauben ist eine große Aufgabe und ein Geschenk, das angenommen werden kann; es ist etwas, das nie fertig ist, sich verändert und wächst. Der Vers der Jahreslosung stammt aus einer Heilungsgeschichte: Die Heilung des besessenen Knaben. Einen Auflauf schildert die Bibelstelle, einen Disput unter Menschen und dahinein gerät Jesus. Die Jünger können den Jungen nicht heilen, der verzweifelte Vater wendet sich an Jesus, der sagt zum Vater, dass alle Dinge dem möglich sind, der glaubt und der Vater antwortet mit dem Vers der Jahreslosung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus heilt das Kind.

Glaube und Unglaube

Alles möglich, dem der glaubt- alles ist möglich, dem der zweifelt? Glaube und Zweifel, Zweifel und Glaube sind keine Gegensätze, sie sind die zwei Seiten einer Medaille. Der Zweifel ist die menschliche Seite des Glaubens, der von Gott geschenkte Glaube, das ist die göttliche Seite. Glaube bedeutet Vertrauen haben, kann die Bitte um Überwindung des Unglaubens sein.

Der Zweifel ist die Kluft, die etwas offen hält, weil wir auf Erden, nicht im Paradies sind. Es gilt die Abwesenheit Gottes auszuhalten.

Albert Camus, der Existenzialist hat den Christen zu diesem Thema Stoff geliefert. Er lebte mit einer „gottlosen Frömmigkeit“ und kannte die Ahnung des Heiligen. Er liebte das Erhabene und erfuhr es in der Verbundenheit mit der Natur, die der Grund seines geistigen Lebens war. Und er wusste, wie fragmenthaft der Mensch ist. In Camus begegnet eine latente Gläubigkeit. Das Absurde bestimmte für ihn das Leben der Menschen, und doch spürte er die Nähe der Ewigkeit. Von sich selbst sagte er, dass er nicht an Gott glaube, aber auch kein Atheist sei. Sein Ringen zwischen dem Erkennen der Sinnlosigkeit, der Absurdität des Daseins und dem Wissen um den, dem Leben abzuzwingenden Sinn, beschreibt seinen Zweifel und seine existentielle Zerrissenheit.

Dieser Zweifel lässt Raum. Denn es gibt die heilsame Kraft des Zweifels, die Fragen zulässt und sich einlässt auf das Ungeborgen-Sein in der Welt. Es ist ein menschliches Ringen um Glauben.

„Wir müssen mit dem sich verbergenden Gott ringen und darum kämpfen, bis er als der präsente, hilfreiche, ewige Gott uns wieder an sich heranzieht. Wir sollten Gott

anrufen und anbeten als den uns Unbegreiflichen,...“ (Hans-Martin Barth, Die Reformation geht weiter, Dtsch. Pfarrerblatt 9/2017)

Wir müssen mit Gott ringen, mit ihm kämpfen, schreibt Martin Barth. Ich möchte mich Gott eher in seiner Unbegreiflichkeit ausliefern und für sein Annähern öffnen. Dann kann ich sagen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Wie geht es in der Geschichte weiter? Die Jünger können nicht helfen. Nur Jesus kann es und beantwortet die Frage, warum die Jünger es nicht konnten, mit dem Satz: „Alle Dinge sind dem möglich, der glaubt.“ Die Antwort des Vaters, ich glaube, hilf meinem Unglauben, ist vielleicht die aufrichtige Art des Glaubens überhaupt, denn die Heilung erfolgt. Der Glaube, der trotz, mit und gegen die Zweifel, den Glauben im Unglauben bekennt.

Der umstrittene Theologieprofessor Klaus Berger wurde vor kurzem in einem Interview gefragt, ob er denn an die Auferstehung glauben würde. Er gab lakonisch zurück: „Nein“. Aber so setzte er seine Gedanken fort, sein Glaube vertraue darauf, dass das Geheimnis Gottes größer ist als alle unsere Möglichkeiten und alles was wir uns vorstellen und denken können.

Es bleibt auch im neuen Jahr dabei, dass der Glaube im Leben eine Aufgabe ist, die uns nicht loslässt, weil ER uns nicht loslässt.

Ein gesegnetes Neues Jahr erbitten Heiderose und Uwe 

Das Bild ist von Anne-Marie Sprenger, Künstlerin in der Südpfalz


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