Zur Jahreslosung 2024: "Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“  1.Korinther 16, 14


Anders als bei uns gibt es im Griechischen, der Sprache, in der das Neue Testament verfasst ist, drei verschiedene Wörter für „Liebe“.

Vor allem zwei von diesen drei wurden sehr häufig verwendet: Eros und Philia. Eros bezeichnet die romantische Liebe. Eros ist Leidenschaft und – wir haben den Begriff ja ins Deutsche übernommen – erotische Anziehung.

Philia, das zweite Wort für Liebe, steht vor allem für Freundschaft. Aber auch einfach für freundliche Zuneigung oder emotionale Herzlichkeit. Dafür, dass man jemanden gerne mag.

Im Neuen Testament wird dagegen meist ein anderes Wort für Liebe verwendet. Ein Wort, das sonst wenig benutzt wurde. Es heißt Agape. Und wenn Paulus oder auch Johannes von Liebe schreiben, gebrauchen sie meistens dieses Wort Agape. Sie meinen damit eine selbstlose Liebe. Eine Liebe, die ihre Wurzeln nicht in uns Menschen hat, sondern in Gott. Agape ist die Liebe, mit der Gott uns liebt. Agape ist die Liebe, die von Gott in unser Leben kommt. Sie ist geprägt von Klarheit und Wahrheit.

Im Neuen Testament reiht sich eine Liebesgeschichte an die andere. Am Ende geht Jesus aus Liebe zu uns Menschen sogar ans Kreuz. Er gibt sein Leben für uns. Damit wir zurückfinden können zu Gott. Damit wir Frieden finden können mit ihm. Vergebung und ewiges Leben. So sehr liebt uns Gott, dass er sich in Jesus selber für uns hingibt. Um uns herauszuholen aus dem Getrenntsein von ihm. Um uns zu retten. Das ist Agape. Eine wirklich selbstlose Liebe.

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Das heißt dann: Es geht nicht darum, dass wir uns emotional zwingen sollen, ein bisschen nett zu sein, damit andere uns als lieb und nett erleben. Das führt nur zu Überforderung und Verkrampfung. Es ist ja auch gar nicht unsere eigene Liebe, in der alles geschehen soll. Sondern wir nehmen zuerst selbst Gottes Liebe auf. Immer und immer wieder. Jeden Tag neu. Und lassen sie dann durch uns hindurchfließen. Die Liebe Gottes soll in uns hinein- und durch uns hindurchfließen auch zu anderen.

Ein gutes Beispiel, wie dies geschehen kann, ist der Film „Der kleine Lord“. Der alte, griesgrämige und menschenfeindliche Lord muss seinen Enkel aufnehmen. Und der behandelt ihn so freundlich und zuvorkommend und liebevoll, dass der Alte sich verändert. Zunehmend wird auch er fröhlich und liebevoll und behandelt seine Untergebenen wie Mitmenschen und nicht länger wie lästige Sklaven. Die Liebe verändert die Welt, weil sie Menschen verändert. Sie ist nicht ein bestimmtes Tun, sondern die Art und Weise, wie wir etwas tun. Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.

 Im Jahr 2023 haben wir wieder schmerzlich erfahren müssen, wie die Lieblosigkeit um uns herum und in der ganzen Welt um sich greift und Millionen von Menschen mit Hass und Gewalt, Leid und Not überzogen und dabei sogar viele Menschenleben ausgelöscht werden.

Am 25. Januar 2024 wurde das Ergebnis der von der EKD in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie veröffentlicht. Das war ein sehr trauriger Donnerstag für alle evangelische Christinnen und Christen, die sich der EKD zugehörig wissen, sei es im Inland, sei es im Ausland, sei es bei uns in Hévíz. Ich bin erschüttert über das Ausmaß der Missbräuche an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche und anderem Kirchenpersonal. Ich bin erschüttert, über Jahrzehntelange Vertuschungen und unter den Teppich kehren.

Ja, es mangelt an Liebe, an Agape, unter uns. Die Bibel, Gottes Wort, lehrt uns: Wenn der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt seines Daseins stellt und ihm dabei weder Gott etwas bedeutet noch der Mitmensch, verliert er sich selbst und bewirkt mit seiner Lieblosigkeit entsetzliches Leid. Wer sich von Gott geliebt weiß, weiß um die Würde des Nächsten, schützt und respektiert diese Würde.

Es ist gut, dass dieses Wort des Paulus, „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“, uns über das ganze Jahr 2024 begleiten soll. Lassen wir uns von ihm immer wieder daran erinnern, anders miteinander umzugehen, in Würde dem anderen zu begegnen, grenzüberschreitende Verhaltensweisen nicht zu vertuschen, zu entschuldigen, sondern diese beim Namen zu nennen, sei es beim Wahrnehmen von Mobbing, verletzendes Reden über andere, vertuschen von Gewalt. Nur so wird es gerechter, barmherziger und friedlicher unter uns und in der ganzen Welt zugehen. Ja, die Welt, in der wir leben, schreit nach Liebe, nach Agape.

Möge das Jahr 2024 für Euch, für Sie, ein Jahr der Agape werden!

Eure/Ihre

Rita Mick-Solle

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